Revolvermeister

Der Wilde Westen und das Universum: Ausgabe #1 - Der Irrsinn des Storytwists

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von am 08.05.2016 um 22:40 (1079 Hits)
Wann immer von „Guten Handlungen in Videospielen“ die Rede ist (sofern solche überhaupt existieren), werden sie nicht nur erwähnt, sondern sogar gefordert: spannende Wendungen, die die Handlung einfach mal auf den Kopf stellen. Aber wieso eigentlich? Warum um alles in der Welt wird so was nicht nur geduldet sondern sogar gewünscht?

Der Twist ist doch nicht mehr als ein billiger Kniff, der völlig überbewertet und überansprucht wird, um Dynamik in eine schlechte Geschichte zu bringen, von denen es in Videospielen ohnehin viel zu viele gibt. Und unkreativ ist so eine überraschende Wendung allemal! Oh, Person XY ist in Wahrheit böse und hat nur so getan, als wäre sie auf meiner Seite? Spannend!
Doch viel entscheidender ist: selbst wenn der Kniff gut gemacht ist (und das ist er eher selten) funktioniert er nur ein einziges Mal. Und in sämtlichen Wiederholungen stößt er in aller Regel nur auf müdes Gähnen und Desinteresse. Kennt man ja schon. Langweilig.
Doch es geht noch schlimm! Denn wenn man es wirklich schlecht macht, stürzt die ganze Handlung wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ergibt schlichtweg keinen Sinn mehr. Ein Schweizer Käse voller Logiklöcher


Am schlimmsten (bzw. am besten) hat das meiner Meinung nach die dritte Staffel der Serie 24 demonstriert.
Zur Erklärung: Es wird eine Leiche in Los Angelos deponiert, infiziert mit einem tödlichen Virus. Diese erregt natürlich ordentlich Aufmerksamkeit. Jack Bauer und Konsorten verbringen fortan die folgenden 24 Stunden damit, einen biologischen Kampfstoff in die Finger zu kriegen, und gerade zu Beginn besagten Tages, liefert sich Jack Bauer ein Rennen mit einem Kartell aus Mexiko, das den Erreger ebenfalls in die Hände bekommen möchte. Man vermutet, dass das Virus von einem Jugendlichen ins Land gebracht wurde, auf den natürlich die Jagd eröffnet wird. Dessen Eltern werden von Jack Bauer in Quarantäne gestellt, der Junge fällt jedoch mexikanischen Ganoven in die Hände, woraufhin sich der Bengel aus Verzweiflung sogar versucht, zu erhängen!
Und am Ende? Da stellt sich nicht nur heraus, dass das Virus zu keiner Zeit in Händen der Familie oder des Jungen war, sondern sogar, dass beide Seiten, also Mexikaner und Jack Bauer, die ganze Zeit über davon wussten UND obendrein noch zusammenarbeiteten! Wofür hat man diese unnütze Hatz inszeniert? Und hat man nur aus reinem Sadismus eine arme Familie gequält und einen Jungen fast in den Selbstmord getrieben? Es ergibt einfach keinen Sinn, der gesamte Abschnitt fällt in sich zusammen. Eine tolle Wendung!

Aber Heavy Rain (mein absoluter Hasstitel!) ist da auch nicht besser.
(Übrigens, wer das Spiel noch spielen wird, sollte diesen Abschnitt überspringen!)
Denn so raffiniert es ja auch ist, dass Privatdetektiv Shelby in Wahrheit der von allen gesuchte Origamikiller ist und die ganze Zeit nur hinter sich selbst aufgeräumt hat, der Kniff funktioniert trotzdem nur einmal und obendrein gehen damit jede Menge Logiklöcher einher. Sämtliche Indizien in den ersten Kapiteln, die darauf hindeuten, dass Ethan Mars (bescheuerter Name!) der Killer ist, verpuffen einfach und erweisen sich als billige Finten, die nie wieder erwähnt und schon gar nicht aufgelöst wurden. Wieso genau erwacht der Supervater aus seinem Filmriss mit einer Origamifigur in der Hand? Und wieso erwacht er an genau dem Ort, an dem später der Tatort ist, den man mit FBI-Brillenspezi untersucht? Keine Ahnung!
Da kann man genauso gut raten, wieso David Cage so ein miserabler Geschichtenerzähler ist.

In meinen Augen ist es sonnenklar: der überraschende Twist ist einfach ein völlig absurdes Handlungsmittel. Das hat auch die Karriere von M. Night Shyamalan zu Spüren bekommen, denn die hat gelernt, dass Filme mit einer überraschenden Wendung zu schließen einfach Mist ist. Das mag bei The Sixth Sense funktioniert haben, aber eben auch nur da. Später wurde das komplett lächerlich und wohlgemerkt: es wird so leicht den ganzen Film zu verderben, einfach in dem man verrät, wie dieser endet.
Also: Bruce Willis ist ein Geist, The Village spielt im Jahr 2004 und The Last Airbender ist richtig schlecht!



Um es abschließend für alle, die mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom bedacht wurden noch einmal zu wiederholen: Twists sind einfach überflüssig, überbewertet und braucht kein Mensch. Und gute Geschichtenschreiber schon gar nicht!
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Stichworte: schimpftirade, twist Stichworte bearbeiten
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Kommentare

  1. Avatar von Kraxe
    Der ganze Blog bezieht sich eigentlich auf die Story ansich und nicht wie sie erzählt wird. Dasselbe kann ich von Zelda behaupten. Beispielsweise in Twilight Princess. Hyrule wird vom Schattenfürst Zanto eingenommen. Dabei war er nur Diener von Ganondorf um ihn wieder aus der Verbannung zu holen, weil Ganon ihm verprochen hat, dass er Macht bekommt. Das ist ja im Grunde auch eine 08/15-Story mit einer Wendung, die eigentlich nur eine logische Konsequenz ist, aus dem was man so bisher von ähnlichen Erzählungen kannte. Vor allem in Märchen sind diese Art von Wendungen beliebt. "HIlf mir und du bekommst was Besonderes." Trotzdem finde ich, dass die Erzählung durchwegs gelungen ist. Teilweise sind die Cutscenes in TP richtig episch.

    Ich finde eine Story samt Wendungen und Überraschungsmomente ist nur so gut wie ihre Erzählweise. Und eine gut erzählte Story kann ein Spiel massiv aufwerten wie es zB bei Final Fantasy X der Fall ist.

    Von mir aus kann eine Story vorhersehbar oder gar klisheehaft wirken. Wenn sie gut erzählt wird ist es für mich eine gute Story. Erzählweise und Inszenierung sind einfach zwei wichtige Elemente für eine gute Story. Die Hintergrundgeschichte ist nicht so von Bedeutung, obwohl eine gute Hintergrundstory größeres Potenzial hätte gut erzählt zu werden.
    Aktualisiert: 17.05.2016 um 10:12 von Kraxe